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Kevin Alvaran - Von Colorado nach Harsdorf

Beitrag vom 03.11.2015
Far away from America
Kevin Alvaran - Von Colorado nach Harsdorf
von Christian Aufseß
Vor fast genau einem Jahr kam Kevin Alvaran aus seiner amerikanischen Heimat in Fountain, Colorado für ein mehrwöchiges Praktikum nach Bindlach, wo der mütterliche Teil seiner Familie wohnt. Doch Alvaran ist bis heute geblieben und hat in Deutschlad eine neue Heimat gefunden. Einen großen Anteil daran hat sein Cousin Ingo Scharnagel und der TSV Harsdorf, bei dem der 23-Jährige inzwischen nicht mehr wegzudenken ist.

Seit dem 30. Oktober 2014, also etwas mehr als einem Jahr ist Kevin Alvaran nun in Deutschland. Die Sprache bereitet dabei immer noch ein paar Probleme. Seine Mutter Sabine, eine gebürtige Bayreutherin, die 1990 in die USA auswanderte, sprach ihren Sohn in der Kindheit immer auf Deutsch an, der Junge antwortete darauf in Englisch. Deshalb versteht er inzwischen zwar alles, das Sprechen ist dagegen nicht gleichwertig ausgereift.  "Es ist jetzt viel besser als am Anfang", lacht der sympathische Amerikaner. Der Beginn des Interviews wurde daher auch auf deutsch geführt. Die Antworten des Befragten waren dabei kurz und knapp, er wirkte schüchtern in der neuen Sprache. Dank des überragenden Schulenglisch des Interviewers - ein herzlicher Dank an dieser Stelle nochmal an Englischlehrer Herr Küfner - konnte das Gespräch aber in Kevins Muttersprache fortgesetzt werden. Und siehe da, aus dem 23-Jährigen sprudelten die Antworten nur so heraus.

Straight outta Fountain, Colorado

Bevor er seinen Weg nach Bindlach fand, lebte Alvaran bei seiner Familie in Fountain, Colorado. In der Kleinstadt im El Paso County im mittleren Westen der USA, die in direkter Nähe zum riesigen Army-Stützpunkt Fort Carson liegt, besuchte er die örtliche High-School. Dort kam er zum ersten mal in Berührung mit Fußball bzw. Soccer, wie ein waschechter Amerikaner zu sagen pflegt. Mit 15 Jahren trat Alvaran dem Soccer-Team seiner High-School bei und versuchte sich am runden Leder, das sich in den USA nicht der selben Beliebtheit wie in Europa erfreut. "Das Training war nicht so gut wie hier", meint er. Vor allem die allmonatlichen, bootcampmäßigen Märsche auf die umliegenden Bergspitzen, die schon mal mehrere 1000 Meter hoch sein können, hat Alvaran noch schmerzlich in Erinnerung. "Das machen wir hier zum Glück nicht", lobt er die Trainingsmethoden seines Cousins und Trainers Ingo Scharnagel. Nach der Highschool begann Alvaran als Tierarzthelfer in Fountain zu arbeiten. Die Zeiten des High-School-Soccers waren vorbei, die Lust auf Fußball noch nicht. Doch in den USA ist eine Mitgliedschaft in Fußballvereinen unüblich und auch unverhältnismäßig teuer. Das aktive Fußballspielen gab Alvaran also ersteinmal auf. Wie so oft in Kindheit und Jugend stand dann im Oktober letzten Jahres der Besuch bei seiner Familie in Deutschland auf dem Programm. Doch dieses mal sollte er länger bleiben.

Heimatliche Landschaften: So schaut es bei Kevin Alvaran in Colorado aus. Ein wenig spektakulärer als seine neue fränkische Heimat.
anpfiff.info



Aller Anfang ist schwer

Eigentlich war der Aufenthalt in der Heimat der Mutter nur auf einige Wochen begrenzt. Alvaran hatte bei seinem Onkel ein berufliches Praktikum klargemacht, zusätzlich wollte er bei seinem Cousin Ingo Scharnagel und dessen TSV Harsdorf mal wieder aktiv gegen den Ball treten. "Er hatte angekündigt, dass er mega gut ist", erinnert sich Scharnagel selbst schmunzelnd. Beim ersten Training des Neuzugangs aus Amerika waren die Erwartungen beim kleinen Dorfverein dementsprechd groß. Doch schnell machte sich vor allem beim großen Cousin Ernüchterung breit. "Er hatte schon Probleme bei der Ballannahme", meint der Trainer. "Eigentlich konnte er nur laufen". Auch Alvaran erinnert sich an die ersten Eindrücke, die seine neuen Teamkollegen von ihm bekamen. "Ich glaube, die waren alle geschockt", meint er. Inzwischen ist auch Einsicht über seine damaligen Fähigkeiten eingekehrt. Alvarans Erklärung dazu kann man ruhig in seiner Muttersprache abdrucken: "I really sucked in the beginning". Ingo Scharnagel hatte derweil eigentlich eine Verstärkung für sein Kreisklassenteam erwartet, stattdessen musste er seinen Cousin anderweitig einplanen: "Ich dachte, der wäre nur einer für die zweite Mannschaft", lacht der Trainer.

In etwa so bange dürften die Blicke von Ingo Scharnagel (schwarz) gewesen sein, als er das erste Mal die Fähigkeiten seines groß angekündigten Cousins zu sehen bekam.
anpfiff.info



Die deutsche Spielweise verinnerlicht

Trotz der anfänglichen Probleme blieb der Amerikaner sprichwörtlich am Ball, seine Trainingsbeteiligung bewegt sich laut dem Trainer bis heute nahe den 100 Prozent. Ob es eher die Motivation, sich fußballerisch zu verbessern, oder der Job mit Ausbildung bei Dallmayr in Bindlach war, der Alvaran dazu bewog, in Deutschland zu bleiben, weiß Scharnagel nicht. "Er ist dann halt geblieben", meint der 35-Jährige lapidar. Allgemein war die Rolle des Cousins für den Neuankömmling in der Anfangszeit enorm wichtig. "Ingo hat mich immer gepusht", meint Alvaran über die "Train harder"-Einstellung seines Coachs. Vor Allem den Unterschied zwischen amerikanischer und deutscher Spielweise konnte ihm der Trainer näherbringen. "Er hat mir gezeigt, wie die Deutschen spielen", so Alvaran. "In Deutschland ist es mehr ein Teamspiel. Die Bewegung auf dem Feld ist ganz anders. In Amerika geht es mehr um den individuellen Spieler", beschreibt er diesen Unterschied. Auch die Kondition wird beim Soccer in den USA großgeschrieben, während Technik und Taktik eine kleinere Rolle spielen. Mit der Zeit verinnerlichte der Mittelfeldspieler diese Art, Fußball zu spielen. Er lernte die Laufwege und die Kommandos seiner Mitspieler, auch wenn es an der Sprache noch haperte. "Am Anfang hab' ich kaum gesprochen", meint Alvaran. Die Verständigung auf dem Spielfeld lief hauptsächlich über Handzeichen. "Das war oft schwierig", erinnert er sich. Der fränkische Einschlag in der Sprache seiner Teamkollegen dürfte beim Spracherwerb nicht besonders hiflreich gewesen sein. Inzwischen beherrscht Alvaran aber alle essentiellen Befehle wie "Leo" oder "Diago". Doch nicht nur sprachlich zeigte die Entwicklung des 23-Jährigen nach oben. Auch bei der Technik und dem Zweikampfverhalten stellten sich dank harter Arbeit schnell Verbesserungen ein, weshalb Alvaran insgesamt nur zwei Spiele für die Reserve des TSV Harsdorf absolvierte. Seinen Platz in der Kreisklassenmannschaft hatte er doch schneller gefunden, als sein Trainer zunächst vermutet hatte.

The american dream - Vom Reservisten zum Derbyhelden

Doch lange Zeit hatte Alvaran nur eine Reservistenrolle inne, in der gesamten letzten Saison stand der Mittelfeldspieler nur fünfmal in der Startelf. Nach einer guten Vorbereitung hatte sich das amerikanische Laufwunder seinen Platz in der TSV-Startelf dann aber gesichert. Diese Saison war er bei allen 15 Spielen bisher im Einsatz. Dass sein Verwandschaftsgrad zum Trainer dabei eine Rolle spielen könnte, bezweifelt Alvaran. "Wenn es so wäre, hätte er mich am Anfang nicht auf der Bank sitzen lassen", lacht er. Endgültig angekommen in der Harsdorfer Fußballwelt ist Kevin Alvaran dann im Derby gegen den SV Ramsenthal Mitte Oktober. Beim dramatischen 4:2-Sieg der Harsdorfer avancierte der Mittelfeldspieler mit einer Vorlage und seinem ersten Tor überhaupt zum Matchwinner. "Ich hatte auch schon gute Spiele davor", meint Alvaran. "Aber in dem Spiel wurden die Fortschritte aus dem letzten Jahr am deutlichsten". Nervös war Alvaran vor der Partie nicht etwa, weil es sich bei Harsdorf gegen Ramsenthal um ein rassiges Derby handelt, sondern weil seine Mutter an diesem Tag Geburtstag hatte. "Das Tor war dann mein Geburtstagsgeschenk an sie", so der stolze Sohn. Ganz amerikanisch erklärte Coach Scharnagel seinen Cousin damals nach Schlusspfiff zum "Man of the Match". Eine Einschätzung, die auch anpfiff.info im Topspielbericht bestätigte. Trotz des verinnerlichten Teamgedanken ist Alvaran stolz auf diese Auszeichnung. "Das war ein schöner Lohn für die harte Arbeit".

Vom Reservisten zum Derbyheld: Für seine herausragende Leistung und seinem Tor zum 4:2 im Derby gegen den SV Ramsenthal wurde Kevin Alvaran (re.) dementsprechend gefeiert.
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Der Teamgedanke über den eigenen Ambitionen

Alvaran will auch weiterhin hart an sich arbeiten. Er weiß dabei genau, wo es anzusetzen gilt. "Ich muss stärker werden. Ich bin noch ziemlich dünn", erläutert das 60-Kilo-Leichtgewicht. Auch an seinem Fußballspiel in taktischer und technischer Hinsicht gibt es noch einige Stellschrauben zu justieren. "Ich muss noch viel lernen", gibt Alvaran zu. "Ich sehe aber schon die richtigen Tendenzen", erhofft er sich weiteren Fortschritt. Wenn man ihn nach eigenen Zielen fragt, antwortet der Amerikaner schon ganz unamerikanisch. Persönliche Ambitionen wie mehr Tore oder Assists interessieren ihn nicht. "Meine Ziele sind eher auf's Team bezogen. Ich will helfen, dass wir uns weiter vorne platzieren und nicht irgendwo im Mittelfeld der Liga stecken. Vielleicht schaffen wir es ja auf Platz eins oder zwei", erklärt Alvaran.

Kevin Alvaran (li.) mag zwar noch etwas schmal um die Hüften sein, im Zweikampf kann das 60-Kilo-Leichtgewicht dennoch giftig sein.
anpfiff.info



Rückkehr in die Heimat auf längere Sicht nicht geplant

Aus ein paar Wochen Praktikum und Fußballspielen ist inzwischen ein Jahr geworden. Mit dem Ende seiner Zeit in Deutschland beschäftigt sich Kevin Alvaran derzeit überhaupt nicht. Im Gegenteil: Bald steht der Umzug aus dem Haus seiner Tante in eine eigene Wohnung in Bindlach an. Seine Ausbildung zum Automatenfachmann beim Kaffeehersteller Dallmayr dauert zudem noch einige Zeit. Dass er seine Azubistelle ernst nimmt, zeigt der Fakt, dass Alvaran nur wegen der Berufsschule beim Harsdorfer Training fehlt. Heimweh nach Amerika hat Alvaran derweil nur selten. "Natürlich vermisse ich meine Freunde", erzählt er. "Aber ich habe ja viel Familie hier. Außerdem genieße ich die deutsche Kultur". Eine Rückkehr kann er sich derzeit nicht vorstellen. "Vielleicht in vier oder fünf Jahren", so der Amerikaner, der dank einer Doppelstaatsbürgerschaft auch den deutschen Reisepass besitzt. "Man wird sehen, was die Zukunft bringt", lässt sich Alvaran alles offen. In Franken und speziell beim TSV Harsdorf hat er inzwischen ja auch eine neue Heimat gefunden.





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